„Und dann kamen auch noch die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge“

Egmating nach dem Ende des 2. Weltkrieges, Teil 1

Trotz der Nähe zu München ist der Gemeindebereich Egmating wie auch der gesamte Landkreis Ebersberg von größeren Schäden durch Fliegerangriffe, Bombardierungen oder sonstiger Kampfhandlungen verschont geblieben.Nur vereinzelt kam es zu Abwürfen von Brandbomben und Sprengbomben,die jedoch auf freiem Feld oder im Wald landeten und keinen größeren Schaden anrichteten.Auch den Amerikanern fiel die Unversehrtheit des Landkreises auf.In einem Wochenbericht vom 18.August 1945 heißt es lapidar:Die Bayern, besonders die in Ebersberg, haben die Schwere des Krieges überhaupt nicht gespürt.

Bevor die offizielle Kapitulation Deutschlands und dem damit verbundenen Kriegsende in Europa am 8.Mai 1945 erfolgte, überschritten am 1.Mai 1945 amerikanische Truppen die Landkreisgrenze. In Egmating wurden, entsprechend versch. Aufzeichnungen, am 1. Mai weiße Fahnen am Kirchturm und an Wohnhäusern gehisst. Trotz massiver Panzersperren aus Holzgewerken,einem aufgestellten Volkssturm und vier großen deutschen Kampfpanzern (Panther) im Gemeindebereich, vollzog sich der Einmarsch der Amerikaner ohne Kampfhandlungen. Die amerikanische Militärregierung übernahm das Kommando und im Juni 1945 wurde ein neues 7- köpfiges Gremium (Bürgermeister,Stellvertreter und 5 Gemeinderäte) mit der Aufarbeitung der Kriegsfolgen und dem Neuanfang der Gemeinde Egmating bestimmt. Erst im Juni 1948 erfolgte die erste demokratische Gemeindewahl seit 1933.

Eigentlich war Egmating,von der Struktur sehr konservativ und überwiegend bäuerlich,mit ca.650 Einwohner (Gemeindebereich) für den Neuanfang gut aufgestellt nach dem Krieg. Es gab drei Wirtshäuser (Bräustüberl, Held, Soyer), einen Bäcker (Schwaiger), zwei Kramerläden (Näscher und Hascher), einen Metzger (Held), sowie einen Schmied (Schmidt), eine Wagnerei (Hutterer), eine Käserei (Heiler) und einen Holzhandel (Bösmeier). Es waren auch keine größeren Kriegsschäden an Haus und Flur zu bewältigen. Aber die Folgen des Krieges haben die Gemeinde wie allerorts sehr schwer getroffen und die Nachkriegszeit war eine große Leidenszeit, aber auch Herausforderung und Aufgabe.

Unendliches Leid entstand durch viele gefallene und vermisste Soldaten aus fast jeder Familie(siehe Kriegerdenkmal), Hungersnot,Warenmangel, galoppierende Geldentwertung,Rationierung ,Zwangswirtschaft, fehlende Arbeitskräfte.

Und dann kamen auch noch die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge“

Aber woher kamen die umgangssprachlich genannten Flüchtlinge, die jedoch größtenteils Heimatvertriebene (Zwangsaussiedlung) und Deutsche bzw. deutschsprachige Minderheiten waren?

Am 2.August 1945 legten die Siegermächte Großbritannien, Sowjetunion und USA auf der Potsdamer Konferenz die Grenzen zwischen Deutschland und seinen Nachbarländern fest.Darin enthalten war auch,dass „die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben“, die in diesen Ländern gelebt und zurückgeblieben waren, schnellstens nach Deutschland zurückgeführt werden müssen .Ohne Berechtigung nahmen das auch Jugoslawien und zum Teil auch Rumänien in Anspruch.Da sich die Konferenz nicht über die Ostgrenzen Deutschlands einigen konnte; verstanden überdies Polen und die Sowjetunion die von ihnen besetzten deutschen Ostgebiete als Teil ihrer Staaten und vertrieben die Deutschen (Mehrheitsbevölkerung)auch aus dem Reichsgebiet.Es wurden ganze Landstriche leer geräumt, die jahrhundertelang zu Deutschland gehört haben.Mehr als 14 Millionen Menschen, die allermeisten Deutsche und deutschsprachigen Minderheiten aus Ost-und Südeuropa,mussten ihre Heimat verlassen. Wenn sie nicht freiwillig ihre Heimatorte verlassen wollten, wurden sie gewaltsam zusammengetrieben und in Güterwaggons nach Deutschland verfrachtet. Es sollte auf eine „menschliche,humane Art geschehen.Angesichts der tatsächlichen Lage hat man diese Formulierung sogar als „Zynismus“ oder „Selbsttäuschung“ von atemberaubendem Ausmaß bezeichnet.Die Abschiebung erfolgte gewaltsam, erniedrigend brutal, menschenunwürdig und von Rachegelüsten und Lynchjustiz getrieben. Mindestens 2 Millionen Menschen, von den insgesamt 14 Millionen, kamen nie an.Sie starben unterwegs durch Kugeln,Mord aus Rache,Krankheiten, erfroren in Eis und Schnee oder ertranken in der Ostsee.

Flucht und Vertreibung der Deutschen 1944 bis 1948, Quelle: Der Spiegel

Eine besondere Bedeutung der Vertreibung für Bayern aber auch für Egmating hat das Sudetenland mit ihren Sudetendeutschen.Der Name ist abgeleitet von einem rund 330 Kilometer langen Gebirgszug „der Sudeten“ im Norden der Tschechoslowakei.

Viele Deutsche haben sich schon vor einigen hundert Jahren, u.a.von böhmischen Herrschern gerufen , angesiedelt, um vor allem die Randgebiete von Böhmen und Mähren zu erschließen und zu kultivieren. Sie waren Bestandteil des „heiligen römischen Reiches deutscher Nation“ und später auch von dem österreichisch-ungarischen Habsburgerreich bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1918 und der Zerschlagung des Vielvölkerstaates. Europa sollte entsprechend den Siegermächten neu geordnet werden. Am 28.10.1918 wurde ein neuer Staat,die Tschechoslowakei gegründet.

Eine Eigenständigkeit der Sudetendeutschen in einer Provinz wurde von dem ersten Präsident Masaryk am 23.12.1918 abgelehnt. „ Die von den Deutschen bewohnten Gebiete sind und bleiben unser“.Wohl wissend,dass die Tschechoslowakei ohne die hochindustriealisierten deutschen Gebiete mit 3,5 Millionen Einwohnern ( ein Drittel des Staatsvolkes), gar nicht lebensfähig gewesen wäre. Unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht forderten die Sudetendeutschen den Anschluss ihrer Heimatgebiete an Deutsch -Österreich bzw. an das Deutsche Reich. Das wurde in der Friedenskonferenz in Versailles und St.Germain von den Siegermächten untersagt.Bei einer friedlichen Demonstration am 4.März 1919 erschossen tschechische Soldaten über 50 Deutsche und mehrere Hunderte wurden verwundet.

Ab diesem Zeitpunkt begann die sudetendeutsche Tragödie.

Die tschechoslowakische Staatsführung begann mit der Entnationalisierungspolitik gegenüber den Sudetendeutschen:

Kampf gegen die deutsche Sprache und Kultur,Einschränkung beim Schulwesen,Tschechisch als alleinige Amtssprache, Abwürgung der deutschen Wirtschaft,Einschränkung der Selbstbestimmung,Verstaat- lichung von deutschen Unternehmen,Verdrängung aus dem öffentlichen Dienst bzw. von Arbeitsplätzen. Das hatte zur Folge,dass während der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 30er Jahre jeder dritte Sudetendeutsche arbeitslos war.

Die Spannungen zwischen den Sudetendeutschen und dem ihnen aufgezwungenen Staat wurden unerträglich. Sie führten schließlich durch zusätzlichen Druck Hitlers und des Deutschen Reiches „Heim ins Reich“ zur sog. Sudetenkrise, auf deren Höhepunkt England und Frankreich 1938 von der Tschechoslowakei die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das deutsche Reich forderten.Im selben Jahr erfolgte die Abtretung durch die Tschechoslowakei.Das Münchner Abkommen vom 30.September 1938 regelte das Selbstbestimmungsrecht der Sudetendeutschen und es erfolgten auch Abtretungen (Anektionnen) an Polen und Ungarn (Zerschlagung der ursprünglichen Tschechoslowakei).Nicht erkannt wurde,dass Hitler auf brutale Okkupation aus war. Am 15. März 1939 begann die Besetzung des Restgebietes von Böhmen und Mähren und es wurde zum Reichsprotektorat unter der Führung von Reinhard Heydrich, dem sog. Schlächter von Prag,der am 04.Juni 1942 bei einem Attentat ums Leben kam,erklärt. Die deutschen Besatzer reagierten mit einem Massaker an der tschechischen Bevölkerung. Das sollte sich noch furchtbar rächen!

Der Hergang ist bekannt.Die brutalste Vertreibung,von dem tschechischen Ex-Präsidenten Edvart Benesch (Benesch- Dekrete)aus dem Londoner Exil geplant und vorbereitet, begann nach Kriegsschluss Mitte Mai 1945.Als Vorwand diente die Behauptung, die Sudetendeutschen seien die „Fünfte Kolonne Hitlers“. Den Sudetendeutschen wurde die Staatsangehörigkeit aberkannt,ihr Besitz wurde beschlagnahmt (Enteignung).Die eigentliche Vertreibung geschah erst wild und ungeordnet.Die kommunistisch geführten tschechischen Nationalausschüsse mit der Terrorgruppe Rote Garden begannen in der ersten Phase mit Massenhinrichtungen, Austreibungen, Vergewaltigungen und Einweisungen in tschechische Konzentrationslager. Während dieser Zeit der gewalttätigen Ausschreitungen nahmen sich Tausende Deutsche selbst das Leben.Die Einwohner wurden aus ihren Häusern und Wohnungen mit minimalen Gepäck herausgetrieben.An Zeit zu packen gab es höchstens eine Viertelstunde.Sie mussten in grenznahen Gebieten über die deutsche Reichsgrenze fliehen und dort nach einer Unterkunft schauen.Historisch bekannt ist in dem Zusammenhang der „Brünner Todesmarsch“.Am 31.Mai 1945 wurden rund 26.000 Deutsche-fast ausschließlich Frauen,Kinder und alte Männer- von Brünn über Pohrlitz (nahe dem Heimatort meiner Mutter und meiner Großeltern) zur etwa 55 Kilomter entfernten österreichischen Grenze getrieben.Die Behandlung war brutal.Jeder tschechischen „Gewalttäter“ hatte eine Peitsche und einen Karabiner. Mind.2000 Menschen starben durch Entkräftung,Krankheiten,Folter, Vergewaltigung und Mord.

Erst nach dem Erlass einer Reihe von Dekreten (nach der Potsdamer Siegerkonferenz) durch Präsident Benesch im Frühjahr 1946 begann die geregelte Enteignung und Vertreibung der noch verbliebenen Sudetendeutschen.Die Betroffenen wurden kurzfristig informiert,man gab eine halbe Stunde Zeit zum Packen und sie durften pro Person 50 Kilogramm Gepäck,Lebensmittel für drei Tage und 1000 Reichsmark mitnehmen. Rucksäcke und kleine Handwagen oder Kinderwagen waren die Transportmittel. Mancherorts waren lange Tische aufgestellt, auf denen die Rucksäcke und auch das Gepäck von tschechischen Männern und Frauen kontrolliert wurden.Die nahmen alles was ihnen gefiel, an sich.

Es setzte eine große Fluchtwelle in den Westen ein.Von Januar bis November 1946 wurden dann in der Hauptphase der Vertreibung über 1000 Eisenbahnzüge,mit durchschnittlich je 1200 ausge- plünderten deutschen Männern,Frauen und Kindern meist in Viehwaggons gepfercht und in den Westen abgeschoben.

Einige Tausende Deutsche wurden in der Tschechoslowakei zurück behalten und zur Zwangsarbeit eingesetzt.In den eineinhalb Jahren des Schreckens wurden über 3 Millionen Sudetendeutsche aus ihrer Heimat vertrieben,knapp 250.000 Menschen fanden dabei den Tod. Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!

Sudetenland

Von den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen aus den Ostgebieten (ca. 12 Millionen) kamen nahezu 2 Millionen nach Bayern.Davon wiederum 15000 in den Landkreis Ebersberg,der mit einem Flüchtlingsanteil von 29% an der Gesamtbevölkerung deutlich über dem Landesdurchschnitt lag. Egmating hatte mit 425 Heimatver- triebenen einen Zuwachs von 38,3% !!! an der Gesamtbevölkerung!

Den größten Anteil hatten die Sudetendeutschen mit ca. 60 % gefolgt von den Schlesiern und den Südostdeutschen sowie den Minderheiten aus Ostpreußen und Pommern.

Teil 2: Wie gelang Egmating die Integration der Heimatvertriebenen?

Franz Nowotny

Quellen:
-Der Landkreis EBE:Geschichte und Gegenwart (Teil 1 u.4)
-Spiegel : Verlorene Heimat
-Sudetendeutsche Landsmannschaft:Wer sind die Sudetend.

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