Die Integration: „Es gab keine Willkommenskultur“

Egmating nach dem Ende des 2. Weltkrieges, Teil 2

80 Jahre nach Kriegsende (08. Mai 1945) sind die Geschehnisse von damals sowie das große Leid von Flucht und Vertreibung verbunden mit der „ethnischen Säuberung“ („Endgermanisierung“ in den deutschen Ostgebieten) bei vielen Angehörigen der jüngeren Generation kaum mehr im Bewusstsein bzw. bekannt.

Viele Erzählungen von Zeitzeugen, Berichte , Dokumentationen, Museen und Gedenkstätten lassen dieses „dunkle“ Kapitel deutscher Geschichte jedoch nicht in Vergessenheit geraten. Nachfolgend eine kleine Zusammenfassung aus diesen Quellen.

„Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für die Flucht und Vertreibung und Unfreiheit sehen, sondern sie liegt vielmehr in seinem Anfang und Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte…. .

ehemaliger Bundespräsident Richard von Weizsäcker

Der 2. Weltkrieg hat ca. 60 Mio. Menschen -Soldaten / Zivilisten- das Leben gekostet. Davon ca. 24 Mio (9, 75 Mio. / 14, 25 Mio. ) Sowjetbürger; 7, 7 Mio (5, 5 Mio. /2, 2Mio) Deutsche; 5, 6 Mio. Polen ( 240Tsd. / 5, 36 Mio. ) und 6 Mio. Juden.

Nachdem die Deutschen die Zerstörung in einem noch nie dagewesenen Ausmaß angerichtet hatten, mussten Sie ihre eigene Niederlage hinnehmen. Mit Galgenhumor witzelten viele: „Genießt den Krieg, denn der Frieden wird schrecklich sein“. Sie ahnten die fürchterliche Rache und so geschah es auch.
Es war die größte und brutalste Flucht-und Vertreibungsbewegung in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts die sich über mehrere Jahre hinzog.

Die „Überführung“ der Deutschen sollte „in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen“, doch davon konnte unter den herrschenden Verhältnissen keine Rede sein. Es setzte blutiger Terror gegen alle Deutschen ein. Die Vertreibung geschah auf unmenschliche Weise. Nach Zeiten des friedlichen Zusammenlebens mündete der Haß oftmals in Orgien der Verfolgung und Blut. “Schlagt sie, tötet sie…, lasst ihnen nichts als das Taschentuch zum weinen. Verschiedene Dekrete ab Juni 1945 waren probate Mittel die Vertreibung zu beschleunigen.

Bedingungen für Ausreise © Heimatmuseum Grafing

Die zur Ausweisung bestimmten Deutschen wurden mit zweisprachigem Ausweisungsbefehl per Flugblätter und Plakaten über die Bedingungen ihrer Vertreibung informiert und kurzfristig, meist innerhalb einer halben Stunde aufgefordert, sich an benannten Sammelstellen einzufinden. Die Mitnahme von persönlichen Besitz war auf 50 Kg/pro Person sowie Lebensmittel für 3 Tage und 1000 Reichsmark beschränkt. Viel mehr, als sich tragen oder ziehen ließ (Leiterwagen, Kinderwagen, Schubkarren mit Kisten), konnten die Vertriebenen sowieso nicht mitnehmen. Sowohl an den Sammelstellen als auch unmittelbar vor dem Abtransport wurden nochmals Wertgegenstände abgenommen.

Utensilien von der Vertreibung © Sudetendeutsches Museum

Zusammengepfercht in Lastwagen und Eisenbahnwaggons (Vieh- und Güterwaggons) unter menschenunwürdigen Bedingungen (keine Hygiene/ Toiletten, fehlendes Trinkwasser, schreiende und kranke Erwachsene und Kinder usw. ) wurden die „Deutschen“ zu den Deutschen in das zerbombte Deutschland abgeschoben. Es gab Tausende von Toten durch Erschöpfung, Gewalteinwirkung, Krankheit und Suizid aufgrund der trostlosen Situation.

Vertriebentransport: zusammengepfercht in Vieh- und Güterwaggons) unter menschenunwürdigen Bedingungen. © Spiegel / Geschichte

Endlich angekommen im zerbombten Deutschland, folgte eine weitere Herausforderung für die Vertriebenen, nämlich die Integration.

Auf dem Weg nach Egmating machten die meisten der über 450 Heimatvertriebenen, die nach Egmating verteilt wurden, Bekanntschaft mit den Grenzdurchgangslagern Furth im Wald oder Wiesau und dann mit den Regierungslagern Allach oder Dachau, ehe sie mit Bussen und Lastwagen nach Egmating in sog. Einschleusungslager gebracht wurden. In Egmating waren das überwiegend der Brauereisaal, der Saal im Gasthof Held sowie auch Schulräume. Von da erfolgte die behördlich angeordnete zwangsweise Verteilung auf private Wohnquartiere, die von der einheimischen Bevölkerung (ca. 650 Personen) im Rahmen einer gezielten Wohnraumbewirtschaftung zur Verfügung zu stellen waren (Zwangseinquartierung). Es war für alle Beteiligten eine fast unlösbare Aufgabe.
Aufgrund von Wohnraummangel mussten viele vertriebene Familien in provisorisch hergerichteten Zimmern in Häusern, Anbauten aber auch in Baracken meist ohne eigene Toilette, Bad, fließend Wasser und provisorischer Heizung auskommen. Teilweise hielt dieser Zustand bis in die 60er Jahre an. Diese plötzliche Zwangsgemeinschaft auf engstem Raum verbunden mit Misstrauen, Vorurteilen und Hass gegenüber den ungebetenen Gästen und auch die Versorgungsknappheit führten zu enormen sozialen Spannungen und Konflikten.

Einweisungsschein für die Zwangseinquartierung © S. Frombeck

Es gab keine Willkommenskultur in Egmating, wie auch im gesamten westlichen Deutschland. Sie kamen in eine „kalte Heimat“. Viele wurden von der einheimischen Bevölkerung als hergelaufene Habenichts und unerwünschte Eindringlinge beschimpft. Auf Aushängen war zu lesen (Originaltext):

„Hinaus mit den Flüchtlingen aus unseren Dörfern, fort mit ihnen wo sie hingehören, über die Grenzen zurück, frei von dem Gesindl, gebt ihnen die Peitsche statt Unterkunft dem Sudetengesindl. Es lebe das Bayernland“

„Die Egmatinger“

Anhand dieser Beispiele wäre es ein Missverständnis, zu denken, es habe keine Integrationsprobleme gegeben, nur weil Deutsche zu Deutschen kamen. Es gab große konfessionelle und sozioökonomische (Merkmale menschlicher Lebensumstände) Unterschiede. Die Vertriebenen hatten es schwer, sich wieder zu etablieren. Die „erfolgreiche“ Integration mussten sich die Vertriebenen bitter erkämpfen. Nur langsam konnten Konflikte und Ressentiments zwischen Angekommenen und Alteingesessenen, die auch die nachfolgende Generation prägten, aus dem Weg geräumt werden. Staatliche Unterstützung, der gemeinsame Schulbesuch, untereinander geschlossene Ehen und der wirtschaftliche Aufschwung nach der Währungsreform 1948 bauten die Spannungen langsam ab.

TEil 1: „Und dann kamen auch noch die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge“

Fortsetzung folgt: Zeitzeugen erzählen

Franz Nowotny

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